Ozempic kann das Craving nach Alkohol nehmen - bei manchen nimmt es auch alles andere

Der Mechanismus dämpft Verlangen. Das Gehirn unterscheidet dabei nicht zwischen Alkohol und dem Wunsch, in den Garten zu gehen.

Der Mechanismus, den GLP-1-Medikamente nutzen, ist anatomisch nicht präzise. Er dämpft Verlangen - aber das Gehirn unterscheidet dabei nicht zwischen dem dritten Glas Wein und dem Wunsch, in den Garten zu gehen.

Eine Frau in den Vierzigern nahm ein GLP-1-Präparat wegen ihres Gewichts. Sie verlor in vier Monaten zwanzig Kilo. Aber gleichzeitig verlor sie das Interesse an ihrer Gartenarbeit, an ihrer Familie, an Dingen, die ihr früher Freude gemacht hatten. Die Fenster ihrer Wohnung verhängte sie irgendwann, um die verkümmernden Pflanzen draußen nicht mehr sehen zu müssen. Als sie das Medikament absetzte, kehrte ihre Stimmung innerhalb weniger Tage zurück.

Was sie beschrieb, ist Anhedonie - die Unfähigkeit, Freude zu empfinden. Sie ist kein Einzelfall. Einer der Wissenschaftler, die das GLP-1-Hormon ursprünglich erforschten, warnte bereits öffentlich, das Leben könnte durch diese Medikamente so öde werden, dass man nicht mehr weiter will.

Die eigentlich beunruhigende Frage ist diese: Hören manche Suchtkranke mit dem Trinken auf, weil das Craving nachlässt - oder weil ihnen schlicht alles egal wird? Das ist kein akademischer Unterschied. Es ist die Grenze zwischen einem Medikament, das heilt, und einem, das betäubt. Und sie ist derzeit nicht klar gezogen.

Millionen Menschen nehmen GLP-1-Präparate. Die Langzeitdaten fehlen noch. Wer den Wirkstoff für Alkohol- oder Suchtreduktion einsetzen möchte, sollte das ärztlich begleiten lassen - und die eigenen Emotionen als ehrliches Frühwarnsystem behandeln.

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