Adipositas gilt als Todesurteil auf Raten. Ein Blick auf die Waage, ein hoher Body Mass Index, und die medizinische Prognose ist klar: erhöhtes Infarktrisiko, erhöhter Blutdruck, verkürztes Leben. So einfach ist es aber nicht. In einer der größten kardiologischen Langzeitstudien der Welt, mit über einer Viertelmillion Menschen und zwanzig Jahren Beobachtung, zeigte sich, dass fast die Hälfte aller Adipösen ein Fettverteilungsmuster hat, das ihr Herz vergleichsweise wenig belastet.
Der Unterschied liegt in der Anatomie. Fett um die Hüften, den Po und die Oberschenkel verhält sich stoffwechseltechnisch weitgehend passiv. Es speichert Energie, produziert aber kaum entzündliche Signalstoffe. Fett im Bauchraum tut das Gegenteil. Es umwickelt Leber, Bauchspeicheldrüse und Darm und schüttet ununterbrochen Botenstoffe aus, die im Blutkreislauf systemische Entzündungen unterhalten.
Ein Mensch mit hüftbetontem Fettmuster und einem BMI von 32 kann kardiologisch gesünder sein als ein Mensch mit BMI 24 und einem Bierbauch. Das ist keine Verharmlosung von Übergewicht, sondern eine Differenzierung, die die Allgemeinmedizin jahrzehntelang verweigert hat.
Für die Praxis bedeutet das: Wer abnimmt und dabei zuerst den Bauchumfang verliert, hat kardiologisch schon fast alles gewonnen. Wer nur die Zahl auf der Waage senkt, aber die Bauchpartie stehen lässt, hat weniger erreicht, als er glaubt.
Was die Waage dir sagt, ist ein grober Näherungswert. Wo dein Fett tatsächlich sitzt, ist die Frage, die zählt.