Das ist der Ratschlag, mit dem Gastroenterologen die Vermeidung von Ultra-Verarbeitetem verkaufen. In Italien, Griechenland, der Türkei, Japan funktioniert diese Faustregel elegant. Sie ergibt automatisch mediterrane, ostasiatische oder levantinische Küche mit Gemüse als Zentrum und Fleisch als Ergänzung.
In Deutschland scheitert sie an der historischen Realität. Wer die tatsächliche Küche deutscher Großeltern der Nachkriegszeit rekonstruiert, findet zerkochtes Gemüse als Beilage, Fleisch mittags und Wurst abends, Kompott als Obstersatz, Vollkorn als Arme-Leute-Essen, Zucker in jeder Soße, Margarine als vermeintlich gesunder Fettersatz. Die Zutatenlisten dieser Ernährung waren kurz, weil Ultra-Verarbeitetes noch nicht existierte. Die Nährstoffprofile sind trotzdem katastrophal.
Der Ratschlag ist damit nicht falsch, sondern kulturell verschoben. Er funktioniert nur, wenn die Referenz-Großeltern in einer funktionierenden traditionellen Küche lebten. Für Deutschland heißt das ehrlich formuliert: iss wie eine süditalienische Großmutter, nicht wie deine eigene.
Diese Präzisierung ist unpopulär, weil sie kulturell abwertet. Aber sie ist medizinisch belastbar. Die mediterrane Ernährung hat unter allen untersuchten Traditionen die beste Studienlage. Die deutsche Nachkriegsküche taucht in dieser Rangliste nicht positiv auf.
Nostalgie ist ein schlechter Ernährungsplan. Empirie ist ein besserer. Für viele Deutsche wohnen die richtigen Großeltern weiter südlich.