Die Illusion der Auswahl im Apothekenregal für Erkältungsmittel ist eine der bestgeprobten Manipulationen der Konsumgüterindustrie. Ein Regal, hundert bunte Verpackungen, Markennamen, Farben, Zielgruppen. Die Wirkstoffliste dahinter ist ernüchternd kurz: sechs Substanzen insgesamt, zwei davon nach aktueller Studienlage schlicht Placebos. Wer eines dieser hundert Produkte auswählt, wählt tatsächlich zwischen sechs Grundformeln, garniert mit unterschiedlicher Farbgebung.
Die Aufmachung übernimmt den Rest. Verschiedene Farben für Erwachsene und Kinder, für Nacht und Tag, für Husten und Schnupfen. Wechselnde Piktogramme, unterschiedliche Preise, eigene Werbekampagnen. Das gleiche Molekül wird dreißigmal neu inszeniert. Für ein Molekül, das im Zweifel drei Cent pro Dosis kostet, verlangt der Endkunde bereitwillig fünfzehn bis dreißig Euro.
Der Aufschlag liegt in diesen Kombinationspräparaten bei mehreren tausend Prozent. Kein legales Geschäft der Welt bietet vergleichbare Renditen. Der Kunde bezahlt für die Verpackung, den Markennamen und die Fantasie, dass eine violette Nachtformel biologisch etwas anderes tut als die rote Tagformel. Sie tut das nicht.
Wer beim nächsten Einkauf ein Erkältungsmittel braucht, dreht die Packung um und liest die Wirkstoffe. Das eine Molekül, das wirklich hilft, kostet einzeln oft unter einem Euro. Die restlichen Verpackungsvarianten sind Bühnenbild.
Ein leeres Regal wäre ehrlicher als das gefüllte, aber es würde niemand kaufen.