Der klassische Verkaufstext für Vitamin D redet über Knochen. Kalzium-Aufnahme, Knochenstruktur, Osteoporose-Prävention. Diese Erzählung stammt aus den Dreißigerjahren und beschreibt tatsächlich das, was das Vitamin ursprünglich in der endokrinen Kaskade tat. Sie ist inzwischen empirisch überholt, ohne dass die Werbebotschaften mitgezogen wären.
In den 1980er Jahren zeigte sich: fast jede Zelle im menschlichen Körper besitzt einen Vitamin-D-Rezeptor. Bauchspeicheldrüsenzellen nutzen ihn zur Insulin-Steuerung, Immunzellen zur Regulation antimikrobieller Peptide, Nervenzellen zur Zelldifferenzierung. Später fand die Forschung heraus, dass viele Zelltypen sogar ihr eigenes aktives Vitamin D produzieren und lokal einsetzen.
Der Nährstoff ist damit weniger ein Vitamin als eine körperweite Signalsubstanz. Diese Neubewertung ist wissenschaftlich seit Jahrzehnten bekannt und in der Regalkommunikation kaum angekommen. Vitamin D wird weiter neben Kalzium ins Sortiment gestellt, obwohl seine Rezeptoren im Immunsystem, im Herz, in der Prostata und im Darm sitzen.
Wer Vitamin D als Knochen-Nährstoff denkt, denkt zu klein. Es ist ein Steuerungsmolekül mit hunderten Adressaten, das der Körper produziert oder aus Nahrung bezieht, weil sonst Dutzende Signalwege unterbelichtet laufen.
Die Verpackung im Kalzium-Regal ist historisch, nicht biologisch. Der Rezeptor sitzt überall. Die Werbung ist an der Stelle nirgends nachgezogen.