Die Studienlage zu Vitamin-D-Supplementierung ergibt für die Gesamtsterblichkeit ein Hazard Ratio von etwa 0,96. In der Kurzfassung klingt das enttäuschend. Vier Prozent weniger Sterberisiko pro Zeiteinheit ist keine Sensation, in vielen Einzelstudien nicht einmal statistisch signifikant.
In der ausführlichen Rechnung sieht das anders aus. Ein Hazard Ratio von 0,96 entspricht in wohlhabenden Ländern etwa einem halben zusätzlichen Lebensjahr. Wer dieses halbe Jahr auf die einzelnen Kapseln verteilt, die man dafür einnehmen müsste, kommt auf etwa acht komma sechs Minuten pro Kapsel. Eine einzige Zigarette kostet nach gängiger Rechnung elf Minuten Leben. Wer eine Zigarette am Tag noch für vernachlässigbar hält, hat gleichzeitig ein Argument in der Hand, warum eine Vitamin-D-Kapsel es nicht ist.
Die moderne Lebenserwartung entsteht nicht aus einem einzelnen Wundermittel. Sie entsteht aus dem Stapeln vieler kleiner Hazard Ratios. Nichtrauchen, Bewegung, Blutdruck-Kontrolle, moderater Alkoholkonsum. Jeder einzelne Beitrag bringt nur Prozentpunkte. Zusammen ergeben sie zehn bis fünfzehn zusätzliche Jahre.
Vitamin D ist in dieser Rechnung kein spektakulärer Faktor. Aber es ist einer, der sich für ein paar Cent pro Kapsel einkaufen lässt. Die achteinhalb Minuten pro Kapsel sind statistisch nicht garantiert, sie sind der plausible Erwartungswert nach der aktuellen Studienlage.
Wer nach einem besseren Deal für seine Lebenszeit sucht, wird ihn im Nahrungsergänzungsregal kaum finden. Die Zigarette gegenüber ist der teurere Handel.