Fachlich heißt dieser Bereich präfrontaler Cortex - der Teil hinter der Stirn, der Katastrophen von Vorfällen unterscheiden kann. Nachts ist er zurückgefahren. Die Amygdala, zuständig für Bedrohungserkennung, läuft im gleichen Zeitfenster mit erhöhtem Grundton. Beides zusammen ergibt ein Denksystem, das jede Kleinigkeit für eine existenzielle Bedrohung hält.
Wer in dieser Konstellation "das Problem zu Ende denken will", betreibt Denksport in einem heruntergefahrenen Denkorgan. Er versucht, mit ausgeschalteter Bewertungsinstanz zu einer vernünftigen Bewertung zu kommen. Die Konsequenz ist immer dieselbe: nachts wird jede Rechnung zu wenig, jedes Gespräch zu einem Bruch, jede Krankheit zu einem Todesurteil.
Die einzige rationale Reaktion auf dieses biologische Setup ist die Weigerung, den Denkprozess überhaupt zu starten. Nicht besser denken, sondern nicht denken. Was um sieben Uhr morgens wie eine banale Aufgabe aussieht, sieht um drei Uhr wie ein unlösbares Dilemma. Das ist keine Persönlichkeitsschwäche, das ist Neurochemie im Dienstplan.
Wer das akzeptiert, hört auf, sich nachts für seine Katastrophenvorstellungen zu schämen. Das Gehirn arbeitet zu dieser Zeit nicht schlecht - nur für andere Aufgaben. Denken ist keine davon.