Wer über Wochenarbeitszeiten jenseits von sechzig Stunden liest, hört meistens die Wörter Burnout und Erschöpfung. Beide Begriffe sind psychologisch aufgeladen und suggerieren einen Zustand, den man mit Urlaub und ausreichend Schlaf korrigieren kann. Die biologische Realität sieht anders aus.
Studien der letzten fünfzehn Jahre zeigen: chronische Wochenarbeitszeiten über 55 Stunden erhöhen das Schlaganfallrisiko um etwa 33 Prozent und das Risiko koronarer Herzerkrankungen um rund 17 Prozent. Die Mechanismen sind unspektakulär: dauerhaft erhöhter Cortisolspiegel, verändertes Lipidprofil, verringerte parasympathische Aktivität, dysfunktionale Endothelzellen an den kleinen Gefäßen.
Das Ergebnis sind nicht die großen Herzinfarkte in den frühen Fünfzigern. Es sind kleine, kaum spürbare mikrovaskuläre Schäden in Netzhaut, Nieren und Gehirn, die sich über Jahre summieren und dann als plötzliche kognitive Verlangsamung oder verminderte Belastbarkeit auftauchen. Was wie natürliches Altern aussieht, ist oft bilanziert.
Für ambitionierte Eltern, die diesen Modus jahrelang durchhalten, um für die Familie zu sorgen, ist die Rechnung ironisch. Die Zeit, die man dem Kind schenken wollte, wird gefährdet durch die Arbeit, mit der man sie finanziert.
Wer die Sechzig-Stunden-Woche als Charakterprobe versteht, wird sie eines Tages als Diagnose lesen.